BREAKING NEWS Lancement du nouveau site internet du Land S'abonner →
Bildende Kunst 3 Min. Lesezeit

Freiland

Außerhalb der Standwände der Galerie Nosbaum Reding auf der jüngsten Art Week sind hier die Arbeiten von Fatiha Zemmouri in der Rue Wiltheim, bei Hors-Sol, zu sehen – immer wieder. Es fällt schwer, einen passenderen…

Erschienen in Ausgabe Dezember 2022
Artikel teilen auf

Außerhalb der Standwände der Galerie Nosbaum Reding auf der jüngsten Art Week sind hier die Arbeiten von Fatiha Zemmouri in der Rue Wiltheim, bei Hors-Sol, zu sehen – immer wieder. Es fällt schwer, einen passenderen Titel für diese „Werke der Umkehrung“ zu finden, wie Maud Houssais es in dem kurzen Begleittext formuliert. Obwohl sie massiv und schwer wirken, sind sie tatsächlich an der Wand aufgehängt.

Ein Teil der Werke von Hors-Sol wurde direkt in ihrem Rahmen geschaffen, was man entdeckt, wenn man ganz nah an die Werke mit den feinsten Streifen herantritt. Man ist natürlich von den größten Werken überwältigt, deren Streifen tiefe Furchen bilden, die am ungerahmten Rand der Werke wie eine Dünenlandschaft wellenförmig verlaufen.

Fatiha Zemmouri ist eine Zauberin der Erde. Wir greifen hier bewusst den Titel einer über dreißig Jahre alten Ausstellung auf, in der der Kunsthistoriker, Konservator und Kurator Jean-Hubert-Martin 1989 zeitgenössische Werke der westlichen und nicht-westlichen Kultur nebeneinander ausstellte. Fatiha Zemmouri, eine marokkanische Künstlerin, ist dies in dem Sinne, dass sie die Grenzen zwischen den Kulturen Nordafrikas und des Westens überwindet, ebenso wie sie dies zwischen der überlieferten Praxis des Pflügens – ohne die es weder Saat noch Wachstum noch Ernte gibt – und der zeitgenössischen ökologischen Auseinandersetzung tut.

Die Verwendung eines „primären“ Rohstoffs, Lehm, mit den modernen Materialien Glasfaser und Polystyrol vermischt wird – so lässt sich die Herstellung ihrer Werke kurz beschreiben, die dadurch leicht sind und, ja, an den Leisten der Galerie aufgehängt, so manchen Besucher verblüffen: ein weiterer „Trick“ der Zauberin, bevor man zu den anderen Schritten der Herstellung zurückkehrt. Es ist das Trocknen in der Sonne, das die ebenen Flächen der Werke rissig werden ließ, während sie gleichzeitig an Dürre und Wassermangel erinnern – also an die ökologischen und migrationspolitischen Probleme an den Grenzen von heute.

Bei der Auseinandersetzung mit dem früheren Werk von Fatiha Zemmouri, geboren 1966 in Marokko, hat sich gezeigt, dass es stets auf einem Grundmaterial basiert. Hier in „Hors-Sol“ sind dies Lehm und Pigmente in den Farben Ocker, Rot, Braun und Schwarz. Zu nennen sind seit den Jahren 2013–2015 „L’Œuvre au Noir“ mit verbranntem Holz sowie „L’Œuvre au Blanc“ mit hellem Ton. Im Jahr 2018 entstand die In-situ-Pflanzeninstallation „Habiter la Terre“ (alle drei in der Comptoir des Mines Galerie, Marrakesch). Diese scheint diesen „naturalistischen“ Zyklus abzuschließen, ihn aus rein ästhetischen Interessen herauszulösen und über die Grenzen Marokkos hinauszutragen. Mit zerknüllten Papieren und Landkarten scheint sie das Interesse des Westens an seiner kolonialen Vergangenheit zu wecken („Paper Borders“ und „Zone Franche“, Galerie Katharina Raab, Berlin, Institut des Cultures de l’Islam, Paris, 2020 und 2021). Im Zusammenhang mit der willkürlichen Aufteilung der nordafrikanischen Länder sei noch ein Werk erwähnt, diesmal auf dem Boden installiert: „Distance Ardente“ (Mrac, Sérignac, 2021), das an die Zeit erinnert, als sich der Westen seine Kolonien aufteilte, wie man Kuchenstücke zuschneidet.

Soviel zu den letzten drei Jahren der Entwicklung ihres Schaffens – kehren wir nun zurück zur Galerie Nosbaum Reding und zur Faszination, die ihr neuestes Werk „Hors-Sol“ ausübt. Fatiha Zemmouri verfügt über handwerkliches Können, das von einer so ausgereiften intellektuellen Reflexion untermauert wird, dass sie durch den Anblick der Falten und Windungen ihrer Erden ein Konzentrat aus Geschichte und Aktualität in einem scheinbar reinen ästhetischen Genuss entfacht.

Die Ausstellung „Hors-Sol“ von Fatiha Zemmouri ist noch bis zum 7. Januar in der Galerie Nosbaum Reding zu sehen