Stéphanie Uhres hat sich in die Intimsphäre zurückgezogen. Genau das – alle Gemälde stammen aus dem Jahr 2021 – hat Hans Fellner Contemporary in der Einzelausstellung „Prepared“ gezeigt. Ihre Arbeiten in Acryl erinnern an die Leichtigkeit der Aquarellmalerei, so flüchtig wirkt die Farbe. Für die meisten Porträts – ein kleiner Junge, ein Mädchen im Vorpubertätsalter, eine junge Frau – hat Stéphanie Uhres das kleine oder mittlere Format sowie einen neutralen Hintergrund gewählt. Die Figuren sitzen, lehnen sich an oder posieren vor einer Wolke, einer Art vorbeiziehender Nebelwolke. Sie lesen, sie sind konzentriert. Sie blicken auch in eine Kristallkugel. Die Farbtöne sind sanft, aber grün, violett, gelb – eine ungewöhnliche Farbpalette.
Klang der Stille, Abendstunde, Dämmerung, Sternstunde. Die Kinderporträts, die alle für die Ausstellung „Prepared“ entstanden sind, blicken aus dem Bildrahmen heraus. Aufgrund des Blickwinkels, den Stéphanie Uhres ihnen gegeben hat, sieht man ihre Augen übrigens nicht. Doch die Konturen der Gesichter sind klar gezeichnet. Diese Gesichter kennt sie gut. Es sind die ihrer eigenen Kinder, und auch ihr Ehemann posiert für eine Wahrsagungsszene mit der Kristallkugel. Die aus Esch stammende Künstlerin, die in Deutschland ausgebildet wurde und dort 2005 ihren Abschluss machte, lebt abwechselnd in Luxemburg und jenseits der Mosel. Sie hat die Kinder in einem ganz alltäglichen und universellen Moment eingefangen und nach zahlreichen Fotoserien im Atelier weiterbearbeitet. „Konzentrate des ‚normalen‘ Lebens“, wie sie sagt.
Diese statischen Motive auf kleinen Formaten stellen eine seltsame, aber klare Rückkehr zur klassischen Malerei dar. Die mittelgroßen Formate erzählen die Geschichte einer jungen Frau. Sie ist von Bild zu Bild an ihrer Bobfrisur zu erkennen. Dennoch nehmen die Körperteile die Bilder jeweils für sich ein. Im Wasser von „Der Fluss, Strandbad Tiefsprung“ taucht der Oberkörper unter, die Beine treiben. Sie sitzt auch im Schneidersitz unter den Farbtropfen von „Nordlicht“, die vom Himmel zu fallen scheinen. Diese Gemälde haben etwas Beunruhigendes an sich, was „Schmetterling“ bestätigt, wenn man nur ein wenig aufmerksam ist. Auf dem Oberkörper ist ein Schmetterling tätowiert, mit einem Loch als Nadel. Es ist zweifellos eine bewegte Geschichte, die jedoch mit viel Zurückhaltung dargestellt wird.
Man kann diesen Schmetterling und die ebenfalls tätowierten Unterarme auch anders betrachten. Es handelt sich um wiederkehrende Post-Punk-Details bei Stéphanie Uhres, die vor allem in Deutschland durch ihre großformatigen Bilder mit kräftigen, kontrastreichen Farben bekannt wurde – so gewalttätig wie die Naturkatastrophen und Kriege, die sie lange Zeit gemalt hat. An ihre Stelle tritt heute diese Selbstwahrnehmung, die direkt auf die Haut eingraviert ist.
Nur der durchdringende Blick eines Raubvogels mit seinem hypnotischen Blick füllt eine ganze Leinwand aus und fixiert den Besucher. Es ist ein großformatiges, schwarzes Bild. Das Bild täuscht. Denn dieser Vogel, der lebendig und im Sturzflug erscheint, ist ein ausgestopfter Raubvogel. Auf einem weiteren großen monochromen Gemälde sind zwei Bäume mit ihren kahlen Ästen zu sehen, die wie aus dem Rahmen gefallen wirken, an der Hauptwand, die von der Wiltheim-Straße aus sichtbar ist. „Landschaft“ scheint nach hinten zu kippen, verankert durch die Farbläufer am unteren Rand der Leinwand. Oder handelt es sich vielleicht nur um einen einzigen Baum und um dessen Schatten? Stéphanie Uhres sagt lediglich, dass sie diesen seltsamen Blickwinkel fotografiert hat.
Das ist Prepared : geheimnisvolle Geschichten. Die von Hans Fellner ausgewählte Präsentation dieser außergewöhnlichen Künstlerin schwimmt gegen den Strom der aktuellen Trends. Ist es eine Provokation ihrerseits, zu zeigen, dass es in der jungen luxemburgischen Kunstszene nicht nur bildende Künstler aus den vom Kunstmarkt gefragten Strömungen gibt? Es liegt am Besucher, dies zu verstehen und zu schätzen. Oder auch nicht.
„Prepared“ von Stéphanie Uhres ist bis zum 16. Oktober in der Galerie Fellner Contemporary zu sehen